Januar 2014

Donauwalzer in Guangzhou

Der Jazzchor Freiburg hat ein unerwartetes Weihnachtsgeschenk bekommen: eine Einladung für Konzerte in China. Chorleiter Bertrand Gröger erzählt, was das Ensemble in Asien erlebt hat.

Beim Silvesterkonzert in Guangzhou war der Freiburger Jazzchor (hintere Reihe) die Hauptattraktion. Foto: Privat

"An Heiligabend musste alles sehr schnell gehen: Am Vormittag wurden unsere Visa für China zur sofortigen Abreise erteilt. Endlich war klar: Unsere Konzertreise findet tatsächlich statt! Das hieß Koffer packen, schnell Weihnachten feiern und am Vormittag des zweiten Feiertags nach Frankfurt zum Flieger.

Es gab zwar seit Mai einen Vertrag mit dem chinesischen Veranstalter AAC, den wir auf der Freiburger Kulturbörse kennengelernt hatten, aber dieser hielt die Spannung bis zum letzten Moment hoch. Jedoch: Der Veranstalter übernahm die Flüge und die Kosten vor Ort, die Stadt Freiburg und das Land gaben etwas dazu.

Das Land scheint sehr reich und sehr jung zu sein

So saßen wir nun mit je vier Sopranistinnen und Altistinnen, je drei Tenören und Bässen, unserem Beatboxer und unserem Soundtechniker in der Maschine nach Schanghai, der größten Stadt Chinas mit über 20 Millionen Einwohnern und wurden unspektakulär von unserem Tour-Betreuer Chen Guo mit dem Bus in ein erstklassiges Hotel gebracht.

Der erste Eindruck von der riesigen Stadt war überwältigend. Anderthalb Tage hatten wir Zeit, uns umzusehen. Wir konnten uns ohne Betreuer völlig frei bewegen, auf eigene Faust U-Bahn und Taxi fahren, natürlich auch zu Fuß unterwegs sein.

Die übliche Vorstellung, dass in dem kommunistischen Land an fast jeder Ecke Polizei oder Militär stünde, stimmte nicht. Die Bewegungsfreiheit fördernd waren außerdem sämtliche Schilder, ob auf der Straße, im Hotel oder Restaurant. Alle waren zweisprachig, also auch auf Englisch. Auf den gut ausgebauten Straßen fuhren moderne Autos, alles sah neu und sogar wohlhabender als bei uns aus. Das Land scheint sehr reich und sehr jung zu sein; älteren Menschen begegneten wir kaum. Ich hatte immer wieder den Satz vom chinesischen Schwellenland im Gegensatz zu uns als Industrieland im Kopf. Aber die Vorliebe für alles Neue in China war offensichtlich, neue Hochhäuser, Konzertsäle, Autos und eine immense Produktivität. Die Vergangenheit interessiert offensichtlich nicht so sehr. In dieser Hinsicht sind wir Europäer recht museal veranlagt, was man auch nach unseren Japan- und Korea-Erfahrungen von Ostasiaten nicht behaupten kann.

Die Konzerte waren ein voller Erfolg

Was unsere Konzerte betrifft, hatte uns der Deutsche Musikrat, erfahren mit Gastspielen deutscher Musiker in China, gewarnt. Er hatte darauf hingewiesen, immer etwas schief gehen kann und dass wir mit allem rechnen müssten. Aber es lief alles viel besser als erwartet. Zwar wurden zwei Auftritte gestrichen, stattdessen aber Studioaufnahmen gemacht. Wir konnten uns aber mit allen Umständen gut arrangieren und die Konzerte in den Millionenstädten Guangzhou – früher Kanton – , Foshan, Dongguan und natürlich Schanghai waren ein voller Erfolg.

Ein Höhepunkt war unser Silvesterkonzert, das wir in Guangzhou gaben, abwechselnd mit chinesischen Künstlern. Wir waren der Haupt-Act mit drei Mal einer halben Stunde Musik. Es gab eine irre Beleuchtung und eine riesige Bühne, so dass wir uns vor dem tobenden Publikum ein wenig wie Rockstars vorkamen.

Tourplan: "23.59 Uhr bis 0.04 Uhr Silvester"

Wie überall in China ging es aber auch hier am Ende recht schnell zu. Auf unserem Tourplan stand "23.59 Uhr bis 0.04 Uhr Silvester". Es wurde also fünf Minuten gefeiert und dann sind alle nach Hause gegangen. Die bei uns so beliebten China-Böller sind hier in Städten verboten, weil sie zu gefährlich sind. Stattdessen wurden Unmengen von Farbschnipseln in die Luft geschossen.

Unser Repertoire bestand aus dem A-cappella-Programm, mit dem wir schon in Deutschland unterwegs waren. Auf Wunsch des Veranstalters hatten wir uns zusätzlich fünf traditionelle chinesische Songs angeeignet, die ich kurzfristig noch arrangieren musste. Die Texte waren in Originalsprache, eine Herausforderung für uns. Wir haben den Klang nachgeahmt, was unglaublich schwierig ist, weil die Chinesen sehr differenzierte Zischlaute haben. Die Einheimischen haben diese Lieder enthusiastisch aufgenommen. Es gab immer wieder Szenenapplaus.

Mündliche Wiedereinladung für 2015

Auch ein Strauß-Walzer wurde uns aufgetragen, weil es ja ein Klassik-Veranstalter und Jahreswechsel war. Kein leichtes Unterfangen für eine A-cappella-Besetzung. Wir haben schließlich eine passende Version des Donau-Walzers gefunden und sie einstudiert. Ein echtes Novum in der Jazzchor-Geschichte. Am Ende unseres letzten Konzerts in der Conservatory Concert Hall in Schanghai wurde uns von Seiten des Veranstalters bescheinigt, dass wir keine "amerikanische Show" darboten, sondern wirkliche Kunst. Ein bemerkenswertes Statement, das unser künstlerisches Anliegen treffend formuliert hat.

Schön auch, dass wir für 2015 schon eine mündliche Wiedereinladung entgegennehmen konnten. Nur hoffen wir, dass der definitive Startschuss dann nicht erst zwei Tage vor Tourbeginn fällt. Bis dahin fließt aber noch etwas Wasser die Dreisam und den Jangtsekiang hinunter."

Badische Zeitung, Aufgezeichnet von Reiner Kobe

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